«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»
Wer sich auf den Firmweg einlässt, lässt sich auf Gemeinschaftserfahrungen ein. Und soll erfahren dürfen, wie sinnstiftend soziales Engagement und der eigene Beitrag zum Gemeinschaftlichen sein kann. Theologisch gesprochen wird so die Ruah Gottes, die Geistkraft, die gemeinschaftsstiftend wirkt, spürbar.
Individuum und Gemeinschaft
Das Sakrament der Firmung und damit auch der Firmweg betonen die eigenständige Glaubensentscheidung des jungen erwachsenen Menschen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ist darum ein wesentlicher Pfeiler der Firmvorbereitung. Das Leitwort «My-next-level» zeugt von der individuellen Beschäftigung in Bezug auf den Glauben. Würde es allerdings bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen Gottesbezug bleiben, wäre Wesentliches ausgeklammert. Sich dessen bewusst zu sein, ist gerade in der heutigen ausgeprägt individualistischen Gesellschaft von grosser Bedeutung. Mit der Aufklärung rückte der einzelne Mensch, das Individuum in den Blick. Die Menschenrechte, die Gedanken- und Glaubensfreiheit ebneten den Weg für die individualisierte Gesellschaft der Moderne. Damit kann die Nächste oder der Nächste allerdings aus dem Blickfeld geraten. Christlicher Glaube ist jedoch nicht einseitig individuelles Geschehen zwischen Gott und Mensch. Jesus betont nebst der Gottesliebe die Nächstenliebe: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (vgl. Mt 22,37-39).
Engagement fördern
Auf den Firmwegen sind wir gefordert, ebenfalls erfahr- und erlebbar zu machen, dass wir als Christinnen und Christen – auch als Kirche – nicht nur um uns selbst kreisen dürfen. Ein christliches Gottes-, Menschen- und Weltbild vollzieht sich im Dreieck: Ich – Gott – die anderen/die Welt. Es stellt sich darum die Frage, wie die Firmvorbereitung die Dimension der andern und der Welt einbeziehen kann, so dass die jungen Erwachsenen erfahren, dass ein auf die Gemeinschaft und das Miteinander ausgerichtetes Leben erfüllend und bereichernd ist. Gesellschaftliches und soziales Engagement geben etwas zurück und bestärken zum Leben. Darum: Wie kann es gelingen, dass junge Erwachsene ermutigt und unterstützt werden, einen Beitrag für die Welt und für die Gesellschaft zu leisten? Und was braucht es, dass sie dies als einen Gewinn für sich und die Welt sehen können? Wer sich nämlich einsetzt, kann tiefe Befriedigung, Zufriedenheit und inneren Frieden ernten. Der christliche Gott zeigt sich so nicht nur als ein Gott, der die Beziehung zum einzelnen Menschen sucht, sondern in seiner Geistkraft, der «Ruah», auch gemeinschaftsstiftend wirken will.
Es ist uns allen zu wünschen, dass viele gelingende Projekte, welche auf den Firmwegen angegangen und umgesetzt werden, in dieser Richtung Erfahrungen schenken. Wenn Firmand:innen bestärkt werden, nach ihrem je eigenen Engagement in der Welt und ihrem Beitrag fürs gesellschaftliche Leben zu fragen, ist das ein grosser Gewinn für sie selbst, aber auch für die Welt.
Autor: Jürg Wüst